Wehrkirche "St. Vitus"

in Beilngries / Kottingwörth im Naturpark Altmühltal



Die erste Kirche war vermutlich, wie meistens auf dem Land nördlich der Alpen, ein Holzbau. Nach Aussage dendrochronlogischer Untersuchungen an Deckenbalken wurde der Westturm um 1250 erbaut. Um 1310 errichtete man nach Niederlegung des Schiffs ein neues Langhaus mit einem östlichen Chorturm. Dieser Vorgang erklärt sich aus der Achsenverschiebung der beiden Türme. Die unteren drei Geschosse der Türme gehören mittelalterlichen Bauphasen an. Bei einem Umbau in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die beiden Türme, die bis dahin gedrungen wirkten, auf die heutige Höhe gebracht und mit schlanken Welschen Hauben versehen. Diese mit zwei hintereinander stehenden Türmen für eine Dorfkirche ungewöhnliche Situation bestand bis ins 18. Jahrhundert.
Als die mittelalterliche Kirche zu klein wurde, stiftete Jonas Willibald Schreiner, der fürstbischöfliche Verwalter des Brauhauses Hirschberg, im Jahre 1749 900 Gulden für einen Neubau. Der Kipfenberger Mauermeister Michael Haberl legte einen Plan vor, der bei Erhaltung der Türme ein nach Süden orientiertes Schiff vorsah. 1759 machte der Beilngrieser Maurermeister Johann Georg Pauer einen billigeren Vorschlag zum Neubau, den er dann 1760/61 nach dem Plan des Eichstätter Domkapitelbaumeister Dominikus Barvieri realisierte. Unter Miteinbeziehung der Türme wurde die neue Kirche nach Norden gebaut, so daß die bisherige Längserstreckung zur Breite des Langhauses wurde und eine imposante Doppelturmfassade entstand. Als Initiator des Neubaus muß der damalige Pfarrer Franz Xaver Frey angesehen werden. 1763 weihte der Eichstätter Fürstbischof Raymund Anton von Strasoldo die Kirche.
Dem schlichten, durch große Fenster hell erleuchteten Innenraum verleiht die Ausstattung mit den Deckengemälden und den gleichzeitig entstandenen Altären den typisch heiteren Charakter ländlicher Spätbarockkirchen. Die ohne Stuck auskommende Decke wird bestimmt durch die großformatigen Fresken des Augsburger Christian Erhardt, die 1761 auf Kosten von Pfarrer Frey entstanden sind. Die Fresken wurden 1889 von Johann Jakob und Sebastian Wirsching restauriert, vermitteln jedoch noch einen guten Eindruck von der Orginalen Farbigkeit. Sie werden von gemalten Rokokorahmen eingefaßt. In extremer Verkürzung baut sich darin eine illusionistische Architektur auf, deren Substruktionen dem Betrachter vorgeführt werden. Auffälligerweise füllt die Scheinarchetektur nur eine Seite des Bildausschnitts. Darin ist der Maler mehr älteren italienischen Vorbildern verpflichtet als der zeitgenössischen bayerischen Deckenmalerei. Das große zentrale Bild ist außerdem zur Verstärkung der Perspektive um das beliebte Motiv einer Treppenanlage bereichert. Zum Erstaunen Kaiser Diokletians treibt der hl. Vitus dessen Sohn den Teufel aus. Reizvoll charakterisierte Figuren agieren in einer bühnenartigen Szenerie. Die gegenüberliegende Seite des Bildes schließt eine aufwendige Stoffdraperie. In dem kleineren Fresko über der Empore gibt ein gemalter Bogen den Blick frei in den Kerker, in dem Christus, begleitet von Engeln, den hl Vitus befreit. Im Chorfresko erscheint der Patron als Beschützer der Pfarrei und des Fürstbistums, wobei Engel einen Aufriß der Kirche und die bischöflichen Insignien halten.
Den stattlichen Rokoko-Hochaltar von 1768 mit freistehenden Säulen ziert ein Gemälde von Christian Erhardt: das Martyrium des hl. Vitus im Ölkessel. Gekonnt sind die Lichteffekte eingesetzt, die auf die Hauptfigur im Zentrum konzentriert sind. Die beiden Seitenaltäre sind der Muttergottes und dem hl. Sebastian geweiht. Sie sind schräg gestellt, ihre identischen Aufbauten nehmen die Rundung der Ecke auf. In der Nische des linken Altars befindet sich eine edle Madonnenfigur der ausgehenden Spätgotik (um 1500). Die Sebastiansfigur, die der rechte Altar birgt ist eine mit dem Aufbau gleichzeitige provinzielle Arbeit.
Für die Kanzel von 1761 mit ihren geschwungenen Rokokoformen, aber ohne Ornamentik zeichnet der einheimische Schreiner Johann Paul Betz verantwortlich. Den Schalldeckel bekrönt die Statue des hl. Paulus. - Die locker gemalten Kreuzwegbilder gehören der Zeit nach 1760 an und müssen aus stilistischen Gründen Christian Erhardt zugeschrieben werden. - Das verwitterte Sandsteinrelief mit der Anbetung der Hl. Drei Könige (Mitte 15. Jahrh.) befand sich ehemals außen und ist heute aus konservatorischen Gründen in einer Wandnische im Innern aufgestellt. Die Reihung der Figuren wird durch die spätgotischen Maßwerkbögen unterstrichen. - Unter der Empore befindet sich ein spätgotischer Taufstein des 15. Jh. Durch den späteren Anstrich zeichnen sich das Blendmaßwerk im Flachrelief, das z. T. Wirbelformen zeigt, leider nur schwach ab. - Aus den großen Nischen der Fassade holte man aus konservatorischen Gründen die Statuen der Diözesanpatrone Willibald und Wallburga und posierte sie im Langhaus auf Wandkonsolen. Im Westturm hängen zwei Glocken aus dem 15. Jh. Mit Umschrift in Gotischen Minuskeln, ferner eine Glocke von Wolfgang Wilhelm Schelchshorn, Eichstätt 1706 und eine von Urs Laubscher, Ingolstadt 1688.


St. Vitus in Kottingwörth im Altmühltal


Die Hauptattraktion der Kirche bildet die heute zur Taufkapelle umfunktionierte sog. Vituskapelle im Ostturm, die bis zum Umbau von 1760 den Chor darstellte. Der quadratische Raum ist außer der Sockelzone, deren Putz erneuert wurde, vollständig mit Malereien ausgestattet.
Dieser um 1310 errichtete Chor präsentiert sich in für jene Zeit architekturgeschichtlich verspäteten Formen: Durch einen Rundbogen, der die Stärke des Mauer zeigt, betritt man den Raum. Diesen überspannt ein schwerfällig wirkendes Kreuzrippengewölbe, das mit den schlichten Konsolen tief ansetzt. Die mächtigen Rippen sind - für die frühe Gotik charakteristisch - gefast und kreuzen sich in einem flachen Schlußstein. Im Jahre 1990 wurde das orginale schmale Fenster an der Ostseite aufgedeckt, dessen tiefe Laibung innen rund- und außen spitzbogig ist. Das Fenster der Südwand wurde 1760/61 vergrößert. In die Nordwand wurde eine Sakramentsnische aus Kalkstein von dem Eichstätter Renaissancebildhauer Loy Hering eingesetzt. Das um 1520 anzusetzende Stück zeigt eine zurückhaltende Ornamentik und das Wappen des Bischofs Gabriel von Eyb (1496-1535).
Die frühgotischen Wand- und Gewölbemalereien wurden 1891 entdeckt und 1895 unter Leitung von Konservator Alois Müller restauriert. In der Euphorie des späten Historismus entfernte man dabei die darüberliegenden Malereien der Spätgotik und Frührenaissance. Die rote Sockelbemalung konnte wegen Durchfeuchtung des Putzes nicht erhalten werden und wurde durch einen Weißen Anstrich ersetzt. Die in Fresko- und Seccotechnik gemalten Bilder wurden im Sinn der damaligen Denkmalpflege behandelt, d. h. Fehlstellen wurden großzügig retuschiert und die Konturen und Binnenzeichnung vereinheitlichend verstärkt.
Die untere Zone der Wandgemälde bildet ein umlaufender Streifen mit runfbogigen Arkaden, die aus dünnen Säulen mit kugeligen Kapitellen bestehen. Darin sind aufgereiht die zwölf Apostel und zwei weibliche Heilige mit Salbgefäßen und die hl. Magaretha mit dem Drachen. Bei der oberen Zone handelt es sich um Lünettenbilder, welche die Schildbogen ausfüllen. Die Ostseite ist dem Kirchenpatron St. Vitus gewidmet: In einer Andeutung eines Palstes wird er dem Kaiser Dioketian vorgeführt; zur Folterung wird er mit seinen Pflegeeltern Modestus und Kreszentia an Pfählen aufgehängt; rechts wird er in den glühenden Ofen geworfen, während ein Engel schützend die Hand über ihn hält. In der nördlichen Lünette ist das Weltgericht dargestellt: in der Mitte Erzengel Michael mit der Seelenwaage; in der linken Schale sitzt eine zu richtende Seele, hilfesuchend die Hände erhoben; die rechte, mit Steinen beschwerte Schale versuchen Teufel hinabzuziehen. Maria ist gerade im Begriff ein besonderes Gewicht zugunsten der Seele in die Waagschale zu legen. Stellvertretend für das ganze Menschengeschlecht, das einmal Rechenschaft über sein Erdenleben ablegen muß, kommen von links die Stammeltern Adam und Eva zur Seelenwägung. Rechts werden verdammte Seelen von Teufeln mit einem Strick in den Höllenschlund gezogen; darunter befinden sich auch ein Bischof und ein Mönch. Bei den Figuren in der südlichen Lünette, die aufgrund der Fensterveränderung nicht mehr vollständig erhalten sind, handelt es sich vermutlich um den hl. Georg zu Pferd und um einen weiteren hl. Ritter. Die Gewölbekappen sind folgendermaßen bemalt: in der östlichen der thronende Christus als Pantokrator in der Mandoria; sich gegenüberliegend je zwei Evamgelistensymbole mit Spruchbändern; in der westlichen Gewölbekappe die hl. Stephanus und Laurentius. Die Gewölberippen sind mit verschiedenartig stillisierter Marmorierung verziert. In einem bei der Darreichung ihrer Opfergaben zu sehen; aus einer Wolke heraus weist die Hand Gottes auf Abel. Der Triumphbogen selbst ist kompositorisch zweigeteilt durch turmbekrönte Architekturabbreviaturen; darin stehen der hl. Willibald, auf der anderen Seite ein weitere Bischof vermutlich der hl. Loedegar, dem die Zähne eingeschlagen werden, und der hl. Erasmus, dem mit der Winde die Därme herausgezogen werden.
Die Ausmalung dürfte bald nach der Erbauung des Turms, also nach 1310, evtl. nach 1313 erfolgt sein, als das Patronat wechselte. Die stilgeschichtliche Datierung ist zwar durch die Restaurierung erschwert, doch haben die ruhigen und geschlossenen Figurenbidungen nichts mehr mit dem Zackenstil des 13. Jahrhundert. Zu tun und weisen andererseits noch nicht die Plastizität und den Realismus der 2. Hälfte des 14. Jahrhundert auf.


Der Glockenhügel von Kottingwörth

Vor vielen hundert Jahren beanspruchte der Bischof von Eichstätt die große Glocke der Dorfkirche von Kottingwörth für seinen Dom. Das war den Bauern gar nicht recht. Sie murrten "Der Bischof kann sich doch leichter eine kaufen als wir." Nur ungern holten die Männer die Glocke vom Turm, luden sie auf einen großen Wagen. Jammernd begleiteten viele das Fuhrwerk noch weit üer das Dorf hinaus. Die Fahrt ging über die Altmühlbrücke, um die Straße zu erreichen, die von Griesstetten über Kirchanhausen nach Eichstätt führte. Tief drückten die Räder in den weichen Boden. Bevor es bergan ging, durften die Gäule verschnaufen. Die erste Rast. Die Fuhrleute setzten sich an den Wegrand und schauten wehmütig zurück zum leeren Turm. "Ewig schad um unsere Glocke! - Eine solche bekommen wir nicht mehr. - Wir hätten sie gar nicht runternehmen sollen. Noch haben wir sie. Wenn wir nur eine Ausrede wüßten! Hört zu! Wir sagen einfach, die Gäule zogen nicht mehr an. Der Weg war zu schlecht." Rascher als bisher gings zurück ins Dorf und wirklich, gegen Abend hing die Glocke wieder im Turm. Ihr Geläut schien den Männern und Frauen noch schöner und vertrauter als zuvor.
Die kleine Bodenwelle aber, welche die Kottingwörther zur Umkehr veranlaßte, trägt heute noch den Namen "Glockenhügel".