Jura-Museum in der Willibaldsburg

in Eichstätt im Naturpark Altmühltal



Urvogel "Archaeopteryx"

Das heutige Jura-Museum auf der Willibaldsburg in Eichstätt geht zurück auf die Sammlung der Theologischen Hochschule. Daß dieses Museum heute eine der umfangreichsten Sammlungen Solnhofener Versteinerungen besitzt, ist das Verdienst eines Mannes: Franz Xaver Mayrs. Er war 1923 zum Professor für Chemie, Biologie, Anthropologie und Geologie an der Theologischen Hochschule in Eichstätt ernannt worden und hat in den 50 Jahren bis zu seinem Tode (1974) durch seine unermüdliche Sammlertätigkeit die Grundlage für das heutige Jura-Museum geschaffen. Es wird berichtet, daß er, da ihm kein Auto zur Verfügung stand, oft zu Fuß mit dem Rucksack durch die Steinbruchreviere zog und die schweren Fossilien in stundenlangen Märschen heimschleppte. Seinem Sammeleifer kamen seine guten Kontakte zu den Steinbruchbesitzern und Brucharbeitern sehr zustatten.
So bot ihm im Jahre 1951 Herr Xaver Frey, ein Steinbruchbesitzer aus Wolkerszell bei Eichstätt, ein kleines fossiles Skelett, das auf mehreren Plattenbruchstücken fast vollständig erhalten war, zum Kauf an. Weder Verkäufer noch Käufer hatten erkannt, daß es sich in Wirklichkeit um einen Urvogel handelte. Man hielt das Fossil vielmehr für ein kleines Reptil ähnlich dem Zwergdinosaurier Compsognathus, der bisher erst einmal in den Solnhofener Plattenkalken gefunden worden war.
Erst später erwies sich bei genauerer Untersuchung der Fund als Archaeopteryx, und jetzt ließen sich bei seitlicher Beleuchtung auch schwache Abdrücke des Federkleides erkennen. Professor Mayr gelang es nachträglich, mit der Familie Frey eine gütliche Einigung darüber zu erzielen, daß das wertvolle Stück nicht Gegenstand finanzieller Spekulationen wurde, sondern dem Eichstätter Raum erhalten blieb. So konnte erstmals seit der Entdeckung der ersten Urvögel vor über hundert Jahren ein Archaeopteryx für Bayern, ja für das engere Ursprungsgebiet selbst gesichert werden. Der fünfte Urvogel blieb somit in seiner Heimat, da wo er vor 150 Millionen Jahren gelebt hat, und ist heute das Glanzstück der Jura-Museums in Eichstätt.


Eichstätter Exemplar des Archaeopteryx


Dieser fünfte Urvogelfund kam einem kleinen, heute wieder zugeschütteten Steinbruch auf der Peterhöhe nördlich von Eichstätt ans Tageslicht. Er stammt aus einer Gesteinsschicht, die von den Steinbrechern "Dreckigzölliger" genannt wird. Der Fundort liegt nur 2 km von dem Fundort des 1877 auf dem Blumenberg entdeckten Berliner Exemplars entfernt.
Im Juni 1973 veröffentlichte Professor Mayr selbst noch eine erste vorläufige Beschreibung des Fundes in der "Paläontologischen Zeitschrift". Das auffallendste Merkmal dieser Eichstätter Urvogels war, daß er kleiner war als alles anderen, weshalb Mayr die Ansicht vertrat, es handele sich um eine neue, kleinere Art der Gattung Archaeopteryx. Nach einer sorgfältigen Freilegung der Skelettreste in der Paläontologischen Staatsammlung in München, bei der festgestellt wurde, daß der Schädel prächtig erhalten war, übernahm Peter Wellnhofer die eingehende Untersuchung des Stückes, die 1974 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Paläontographica" erschien.
Auch bei diesem Skelett fällt die starke Zurückkrümmung des Halses auf, wie es überhaupt in seiner Lage recht gut mit dem Berliner Exemplar übereinstimmt. Wir können deshalb für beide Tiere eine ähnliche Todesursache und dieselben Vorgänge, die zu ihrer Einbettung in den Bodenschlamm der Solnhofener Lagune geführt haben annehmen.
Die genaue Todesursache läßt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Wir dürfen aber annehmen, daß der Eichstätter Urvogel sicher nicht an Altersschwäche gestorben ist, da es nach verschiedenen Anzeichen am Skelett um ein noch nicht ausgewachsenes Jungtier gehandelt hat.
Da auch Spuren von Gewalteinwirkungen am Skelett - etwa durch Raubsaurier - nicht vorliegen, kann das Tier nur durch einen Unglücksfall ums Leben gekommen sein. Es könnte zum Beispiel in einen heftigen tropischen Sturm auf See ertrunken sein. Aber auch wenn es an Land verendet wäre, hätte es in dem Klima, das damals herrschte, ausgetrocknet und gewissermaßen mumifiziert durch einen Fluß ins Meer gespült worden sein können. Deutliche Schrumpfungserscheinungen in der Bauchregion machen die zweite Möglichkeit wahrscheinlicher. In beiden Fällen wäre es aber zu der typischen Lage mit dem zurückgekrümmten Hals gekommen. Die Tatsache, daß auch der Kopf noch vorhanden ist, zeigt, daß der Vogelkadaver nicht lange im Wasser trieb, sondern recht rasch nach dem Tode vom Schlamm umschlossen wurde.


Eichstätter Exemplar des Archaeopteryx


Der Schädel diese Eichstätter Urvogels ist der zweite vollständige Archaeopteryx-Schädel. Gegenüber dem des Berliner Exemplars ist er aber wesentlich besser erhalten und deshalb von großer wissenschaftlicher Beutung. Auffallend ist die große Augenhöhle, in der sich noch ein Ring aus kleinen Knochenplättchen erhalten hat, der das Auge schützt. Einen derartigen Augenring besitzen auch viele Saurier, z.B. Flugsaurier und Fischsaurier, aber auch noch heutige Vögel, sozusagen als Erbstück ihrer Vorfahren. Deutlich sind die kleinen, aber spitzen Echsenzähne in den Kiefern zu erkennen, ebenfalls ein Sauriermerkmal, das die heutigen Vögel aber schon verloren haben. Der Schädelhohlraum, in dem sich das Gehirn befand, wurde nach der Einbettung vollkommen mit Schlamm ausgefüllt. Der so erhaltene, nunmehr versteinerte Innenausguß der Gehirnkapsel, der sich durch die Schädelknochen durchpaust, liefert so ein getreues, räumliches Abbild der Größe und Gestalt des Gehirns. Auch hier können wir feststellen, daß Archaeopteryx noch kein typisches Vogelgehirn hatte.